Das Neue wächst längst – nur leise


Heute hat mich ein Bild tief berührt. 

Wenn ein alter Baum fällt, können wir es kilometerweit hören. Doch wenn zur gleichen Zeit tausend junge Bäume ihre Wurzeln tiefer in die Erde schieben, hören wir nichts davon.

Der fallende Baum ist laut. Das Wachsen geschieht in der Stille.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir manchmal glauben, unsere Welt werde immer dunkler.

Wir hören von Kriegen, Streit und Umweltkatastrophen. Wir sehen Menschen, die anderen Menschen Schreckliches antun. Es geht um Macht, um Schuld, um Gewinner und Verlierer – und immer wieder um Geld, Geld und noch mehr Geld.

Das Laute bekommt unsere Aufmerksamkeit.

Nicht unbedingt, weil wir uns bewusst dafür entscheiden. Vieles davon geschieht ganz automatisch. Unser Blick bleibt dort hängen, wo etwas bedroht, erschreckt oder empört. Wir lesen eine negative Nachricht, sprechen darüber, regen uns auf und suchen nach der nächsten Meldung. In den sozialen Medien funktioniert es ähnlich: Was Angst macht, schockiert oder wütend werden lässt, bekommt häufig besonders viel Aufmerksamkeit.

Und so entsteht in uns langsam ein Bild:

So ist die Welt eben.

Doch ist sie wirklich nur so?  

Das Laute ist nicht die ganze Wahrheit

Natürlich geschehen in dieser Welt Dinge, die uns erschüttern. Es geht nicht darum, sie zu leugnen, schönzureden oder wegzulächeln. Leid verschwindet nicht dadurch, dass wir die Augen davor schließen.
Aber das, was uns täglich am lautesten begegnet, ist nicht automatisch das Ganze. Und es ist schon gar nicht immer das Stärkste.
Während irgendwo zwei Menschen miteinander kämpfen, entscheidet sich an einem anderen Ort jemand gegen den nächsten Gegenangriff.
Während uns eine Nachricht von Hass erzählt, reicht ein Mensch einem anderen die Hand.
Jemand hört zu, obwohl er lieber recht behalten würde. Jemand entschuldigt sich. Jemand übernimmt Verantwortung für die eigene Wunde, anstatt sie einem anderen überzustülpen. Jemand begleitet sein Kind liebevoller, als er selbst begleitet wurde. Jemand bleibt bei einem kranken Menschen sitzen. Jemand beginnt, sich selbst nicht länger zu verurteilen.
Davon gibt es keine Sondersendung.
Es macht keinen Lärm. Es bringt selten große Schlagzeilen hervor. Und doch geschieht es – jeden Tag, überall auf dieser Welt.
Tausend junge Bäume schieben ihre Wurzeln tiefer in die Erde.
Wir hören sie nur nicht wachsen.

 

Worauf richten wir unseren Blick?

Was versprechen wir uns eigentlich davon, unseren Blick immer wieder auf das laute, negative Theater zu richten?
Wahrscheinlich gar nichts. Denn meistens machen wir uns darüber nicht einmal Gedanken. Wir haben uns daran gewöhnt. Die Welt ist eben so, sagen wir – und merken nicht, wie sehr wir dieses Bild in uns nähren.
Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wird in unserem Erleben größer. Je länger wir in die Angst schauen, desto mehr Angst entdecken wir. Je mehr wir nach Schuldigen suchen, desto mehr Trennung sehen wir. Je öfter wir uns erzählen, dass die Welt nur noch dunkel ist, desto schwerer wird es, das Licht überhaupt noch wahrzunehmen.
Unsere Gedanken verursachen nicht den Krieg, den ein anderer Mensch führt. Sie sind nicht verantwortlich für jede Katastrophe und jedes Leid. Aber sie entscheiden mit darüber, welches Bild der Welt wir in uns tragen – und was wir selbst in diese Welt weitergeben.
Angst oder Vertrauen.
Angriff oder Frieden.
Verurteilung oder Mitgefühl.
Dunkelheit oder Licht.

 

Vielleicht ist das Neue längst da

Wir sprechen so oft von einem neuen Bewusstsein, einer neuen Welt oder einem neuen Menschen. Es klingt, als müsse irgendwann etwas Großes geschehen. Als würde eines Morgens die Sonne aufgehen und plötzlich hätten es alle verstanden. Aber was, wenn das Neue nicht erst auf uns zukommt? Was, wenn es längst begonnen hat – in einzelnen Menschen, ganz still und unspektakulär?
Vielleicht zeigt es sich in unserer Müdigkeit gegenüber Streit, Machtkämpfen und Rechthaberei. Vielleicht ist unser wachsendes Desinteresse an diesem ewigen Gegeneinander kein Rückzug und keine Schwäche. Vielleicht sind wir einfach nicht mehr bereit, jede Schlacht mitzukämpfen.
Vielleicht entsteht das Neue jedes Mal, wenn ein Mensch innehält und sich fragt:
Möchte ich wirklich zurückschlagen?
Muss ich den anderen überzeugen?
Brauche ich einen Schuldigen, um mit meinem Schmerz umgehen zu können?
Oder kann ich wahrnehmen, was gerade in mir geschieht, ohne daraus den nächsten Kampf entstehen zu lassen?
Das Neue kommt nicht mit Pauken und Trompeten. Es wächst in jedem Menschen, der beginnt, wieder nach innen zu hören. In jedem Menschen, der nicht länger nur übernommenen Bildern folgt, sondern die eigene Wahrheit sucht. In jedem Menschen, der sich erinnert, dass Frieden nicht dadurch entsteht, dass alle anderen, Situationen, endlich anders werden.

 

Wir müssen die Welt nicht bekämpfen

Wir haben lange geglaubt, wir könnten die Welt durch  Urteile, Anklage und Kampf verändern. Doch jeder Angriff fordert beinahe automatisch einen Gegenangriff. 
Im Kleinen wie im Großen.
Das bedeutet nicht, dass wir zu allem schweigen oder alles gutheißen müssen. Wir dürfen klar sein. Wir dürfen Grenzen setzen. Wir dürfen handeln.
Aber wir können dabei prüfen, aus welchem inneren Ort unser Handeln kommt.
Kommt es aus Angst und Wut? Aus dem Wunsch, den anderen zu besiegen? Oder kommt es aus Klarheit, Liebe und dem tiefen Wissen, dass wir keinen weiteren Feind erschaffen müssen?
Auch der Kampf gegen das Dunkle bleibt Kampf, wenn wir dabei selbst voller Hass werden. Dann wechseln vielleicht die Rollen, aber das alte Denken bleibt bestehen.
Das Neue beginnt dort, wo wir nichts und niemanden vom Sockel stoßen müssen, um anschließend selbst hinaufzuklettern und zu verkünden, dass wir es nun besser wissen.
Wir müssen niemandem seine Wahrheit wegnehmen. Wir müssen niemanden bekehren. Wir können etwas anderes vorleben.
Einen Frieden, der nicht davon abhängig ist, dass uns alle recht geben.
Eine Liebe, die den anderen nicht verändern muss.
Eine Klarheit, die keine Feindbilder braucht.

 

Das Licht wieder sehen

Vielleicht braucht die Welt keine weitere laute Stimme, die ihr sagt, was sie falsch macht. 
Vielleicht braucht sie Menschen, die leise erinnern:
Hey … das ist nicht alles.
Du bist mehr als das, was dort draußen geschieht.
Du bist mehr als deine Angst, deine alten Bilder und die Geschichten, die du über diese Welt gelernt hast.
Wir können unseren Blick neu ausrichten. Nicht, um die Dunkelheit zu leugnen, sondern um das Licht nicht länger zu übersehen.
Wir können dorthin schauen, wo Menschen einander helfen. Wo Vergebung geschieht. Wo jemand aus einem alten Muster aussteigt. Wo ein Herz wieder weich wird. Wo ein Mensch sich für Frieden entscheidet, obwohl der nächste Angriff schon auf seiner Zunge liegt.
Denn die Liebe muss nicht erst in die Welt gebracht werden. Sie ist längst da. Unter all dem Lärm, unter der Angst und unter unseren alten Vorstellungen davon, wie die Welt angeblich ist.  Vielleicht müssen wir sie nicht erschaffen.  Vielleicht müssen wir sie nur wieder sehen.
Wahrnehmen.
Uns erinnern.
Und ihr erlauben, durch uns sichtbar zu werden.
Der fallende Baum wird wahrscheinlich auch morgen noch laut sein. Doch während wir seinen Aufprall hören, dürfen wir uns daran erinnern:

Im Stillen wächst längst ein neuer Wald. 

Und vielleicht sind wir selbst bereits ein Teil davon.

Was sind deine Gedanken dazu? Vielleicht möchtest du deine Gedanken oder deine Erfahrung dazu mit mir teilen. Auch Fragen sind herzlich Willkommen:

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