Vielleicht kennen wir diesen Gedanken:
Wenn ich ruhiger bin, dann.
Wenn ich meine Ängste überwunden habe, dann.
Wenn ich endlich nicht mehr so empfindlich reagiere, dann.
Dann kann ich zufrieden mit mir sein.
Bis dahin gibt es noch etwas zu bearbeiten. Noch etwas zu verstehen. Noch etwas an uns, das anders werden soll.
Und so beschäftigen wir uns mit unseren Gedanken, lesen Bücher, hören Vorträge und entdecken immer neue Zusammenhänge. Das kann uns helfen. Wir erkennen Dinge, die wir vorher nicht sehen konnten. Wir lernen, bewusster mit uns und anderen umzugehen.
Doch mitten auf diesem Weg lohnt sich eine leise Frage:
Was treibt mich eigentlich an?
Ist es der Wunsch, mich kennenzulernen?
Oder steckt darunter noch immer der Gedanke: So, wie ich jetzt bin, bin ich nicht gut genug?
Wenn aus Entwicklung eine neue Forderung wird
Früher wollten wir vielleicht mehr leisten, besser aussehen oder es allen recht machen.
Heute möchten wir gelassener sein. Bewusster. Voller Vertrauen.
Die Wünsche haben sich verändert. Doch manchmal sprechen wir dabei noch genauso streng mit uns wie früher.
Jetzt müsste ich das doch verstanden haben.
Darüber sollte ich längst hinweg sein.
Warum trifft mich das immer noch? Manchmal merke ich, wie ungeduldig ich werde, wenn ein Gespräch immer wieder darum kreist, was andere falsch machen, wie etwas anders, besser sein müsste.
In mir ruft etwas: Schau doch, vielleicht gibt es auch etwas, das du selbst verändern kannst.
Ich sehe Möglichkeiten. Doch manchmal glaube ich dabei schon zu wissen, was der andere erkennen müsste. Dann höre ich nicht mehr nur zu. Innerlich bin ich längst damit beschäftigt, ihn irgendwohin bringen zu wollen.
Und wenn ich ehrlich bin, ist da nicht nur Mitgefühl. Da ist auch Wut. Traurigkeit. Und das schmerzhafte Gefühl, nichts ändern zu können.
Warum trifft mich das noch immer, obwohl ich mich schon so lange mit meinen Gedanken beschäftige?
Vielleicht wird hier meine eigene Erwartung sichtbar: Ich müsste doch verständnisvoller sein. Ruhiger. Ohne dieses innere Urteil.
Aber auch damit darf ich ehrlich sein. Ich kann meine Bewertung bemerken, ohne sie schönzureden – und ohne mich dafür abzulehnen.
Ich muss nicht jeden Gedanken aussprechen. Ich kann fragen, ob der andere überhaupt einen Impuls hören möchte. Und wenn nicht, darf ich das stehen lassen.
Ich darf Möglichkeiten sehen. Und ich darf anerkennen, dass der andere selbst entscheidet, ob und wann er ihnen Raum gibt.
Sogar aus dem Wunsch nach innerem Frieden kann eine Forderung werden.
Wir bemerken unsere Wut und ärgern uns darüber, dass wir noch wütend sind. Wir spüren Angst und machen uns Vorwürfe, weil wir doch schon so viel über Vertrauen wissen.
Zu dem, was ohnehin gerade schwer ist, kommt unser Urteil über uns selbst hinzu.
Dürfen wir auch dann freundlich mit uns umgehen, wenn uns gerade etwas nicht gelingt?
Was wir erkennen, muss uns nicht gefallen

Uns anzunehmen bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen.
Vielleicht waren wir ungerecht. Vielleicht haben wir jemanden mit unseren Worten verletzt. Vielleicht haben wir aus Angst zugestimmt und sind später wütend geworden, weil wir eigentlich Nein sagen wollten.
Wir können das ehrlich anschauen.
Wir können uns entschuldigen. Etwas klären. Beim nächsten Mal früher bemerken, was in uns geschieht.
Dafür müssen wir uns nicht als ganzen Menschen verurteilen.
Zwischen „Das möchte ich anders machen“ und „Mit mir stimmt etwas nicht“ liegt ein großer Unterschied.
Der erste Satz lässt uns handeln. Der zweite stellt uns selbst infrage.
Verantwortung zu übernehmen darf mit Freundlichkeit beginnen.
Wie sieht das mitten im Alltag aus?
Vielleicht fragt uns jemand um einen Gefallen.
Wir sind müde. Der Tag war voll. Eigentlich brauchen wir Zeit für uns. Trotzdem hören wir uns sagen: „Ja, klar. Mache ich.“
Später sind wir gereizt.
Dann könnten wir wieder mit uns schimpfen: Warum kann ich keine Grenzen setzen?
Oder wir halten einen Moment inne.
Was war da, als ich Ja gesagt habe?
Wollte ich helfen?
Hatte ich Angst, jemanden zu enttäuschen?
Habe ich meine Müdigkeit überhaupt ernst genommen?
Es geht dabei nicht darum, die perfekte Antwort zu finden. Wir beginnen, uns selbst in dieser Situation wahrzunehmen.
Vielleicht sagen wir beim nächsten Mal: „Ich schaue erst, ob ich das schaffe. Ich denke darüber nach.“
Ein kleiner Satz. Und doch bekommt unser eigenes Bedürfnis darin Platz.
Auch das Unbequeme darf bemerkt werden
Es ist leicht, freundlich mit uns zu sein, wenn wir ausgeglichen sind und alles gut läuft.
Schwieriger wird es, wenn Neid auftaucht. Wenn wir uns schämen. Wenn wir wieder in ein Verhalten geraten, das wir längst hinter uns lassen wollten.
Gerade dann zeigt sich, wie wir mit uns umgehen.
Können wir bemerken: Da ist gerade etwas, das mir schwerfällt?
Ohne sofort eine Geschichte daraus zu machen, wer wir angeblich sind?
Wir müssen ein Gefühl weder wegdrücken noch ihm jede Entscheidung überlassen. Wir dürfen uns Zeit nehmen, bevor wir reagieren. Und wir dürfen Unterstützung annehmen, wenn etwas allein zu schwer ist.
Auch das gehört dazu, uns ernst zu nehmen.
Wir müssen nicht fertig sein

Persönliche Entwicklung braucht Zeit. Manches verstehen wir schnell. Anderes begegnet uns immer wieder, obwohl wir dachten, wir hätten es längst verstanden. Das macht unsere bisherigen Schritte nicht wertlos.
Vielleicht können wir weiterlernen, ohne unsere Selbstannahme auf später zu verschieben.
Wir dürfen etwas verändern wollen und gleichzeitig anerkennen, wer wir heute sind. Mit dem, was uns gelingt. Und mit dem, was noch schwierig ist. Für einen ruhigen Moment können wir uns fragen:
Wo mache ich meine Freundlichkeit mir selbst gegenüber davon abhängig, dass ich mich erst verändere?
Vielleicht fällt uns eine Situation ein. Vielleicht hören wir einen vertrauten Satz.
Wir müssen daraus nicht gleich die nächste Aufgabe machen. Für heute reicht es vielleicht, diesen Satz zu bemerken – und ihm etwas Freundlicheres zur Seite zu stellen :
Ich darf lernen. Und ich darf schon jetzt auf meiner Seite sein und bei mir bleiben.
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