Wenn wir glauben, dass nichts mehr geht


Vielleicht kennen wir alle solche Zeiten. Nach außen läuft das Leben weiter. Und doch scheint plötzlich nichts mehr so zu sein, wie es einmal war. Alles fühlt sich leer an, automatisiert, immer gleich – wie in einem Hamsterrad. Ich kenne diese Zeiten sehr gut.

Zeiten, in denen immer wieder dieselben Fragen auftauchten:

Wie soll das nur weitergehen?
Soll das jetzt alles gewesen sein?
Will ich wirklich so weitermachen?

Meine Antwort darauf war ein klares Nein.

Nein, so nicht mehr.
So kann und will ich einfach nicht mehr weiter machen. Alles fühlte sich schwer an. Mein Leben bestand immer mehr aus Funktionieren, Pflichten und diesem ständigen Gefühl von getrieben sein:  Ich muss. 

Oft saß ich abends weinend da und konnte kaum glauben, dass dies mein Leben sein sollte.

Ich hatte doch funktioniert.
Ich hatte versucht, es meinen Kunden und meiner Familie recht zu machen.
Ich hatte mir doch immer so viel Mühe gegeben.

Warum fühlte ich mich trotzdem so leer und ausgebrannt? 

Eines Abends kam mit all der Traurigkeit plötzlich ein tiefes Gefühl von Schuld in mir auf. Nicht gegenüber anderen – sondern mir selbst gegenüber. Ich weinte bitterlich und bat mich selbst um Vergebung.

In diesem Moment begann ich zu begreifen, was ich mir selbst angetan hatte. Was ich mir alles aufgeladen hatte. Wo ich mich belogen und übergangen hatte. Wo ich mich selbst verlassen hatte, um weiterhin für alle anderen zu funktionieren. Und dann wurde es still.

Ganz still. Eine solche Ruhe und einen solchen Frieden hatte ich zuvor noch nie erlebt. Und ich habe diesen Zustand später auch nie wieder in dieser Tiefe erfahren. In diesem Moment wusste ich einfach:

Alles ist gut.
Jetzt. Hier.
Alles ist wirklich gut. Da waren keine Zweifel mehr. Keine Sorgen, keine Vorwürfe und keine schlimmen Vorahnungen. Auch die verzweifelte Suche nach einer Lösung war verstummt. Für diesen Moment war der Kampf vorbei.

Dieser Gedanke war nicht länger nur ein Satz. Er wurde zu einem Gefühl, das sich immer weiter in mir ausbreitete. Ich empfand eine tiefe Demut und Dankbarkeit.

So war es für mich.

In diesem Moment erkannte ich, wie sehr meine eigenen Gedanken mich immer wieder in einen Kreislauf aus Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, Wut und Schmerz gezogen hatten. Ich hatte mich immer wieder in ihnen verloren und sie für die ganze Wirklichkeit gehalten. Doch jetzt waren sie für einen Augenblick still.

Und darunter war Frieden. Unendlicher Frieden, der sich in mir immer mehr in unendlicher Weite zeigte. Schwer zu beschreiben, du bist plötzlich dieser Frieden, du bist diese Liebe. Nichts mehr im Außen wird gesucht, Vollständig da, hier, jetzt. Keine Fragen mehr. Nur noch hier, nur noch SEIN. Mir wurde ganz klar und ich begriff:

Dieser Frieden war nicht durch eine Lösung im Außen entstanden. Er war einfach da.

Und er war auch vorher schon da gewesen – unter all den Gedanken, Sorgen und verzweifelten Versuchen, mein Leben endlich in Ordnung zu bringen.

Für mich wurde in diesem Moment etwas wahr: Dieser Frieden ist nicht davon abhängig, wo ich bin oder was ich gerade tue. Auch wenn ich ihn nicht immer spüre, bedeutet das nicht, dass er verschwunden ist. Er ist immer da, egal wann, wo ich bin und was ich tue. 

Oft sind nur meine Gedanken so laut, reißen mich mit, dass ich ihn nicht mehr wahrnehmen kann.

Wenn ich dann achtsam werde und meine Gedanken betrachte, ohne ihnen sofort zu glauben oder zu folgen, nach ihnen zu handeln, entsteht ein Raum. In diesem Raum kann ich wahrnehmen, was gerade in mir geschieht. 

Unser Denker hat schließlich einiges auf Lager und er schläft nie.

Er urteilt und bewertet. Er erinnert uns daran, was wir angeblich falsch gemacht haben. Er beschäftigt sich mit dem, was wir noch haben wollen, was wir unbedingt tun müssen und was andere von uns erwarten und denken könnten. Und besonders gern holt er die Vergangenheit zurück, um ihre Geschichten noch einmal zu erzählen. Hätte ich doch........dann, warum habe ich damals.... im Grunde immer wieder die gleiche Leier. Vor allem weiß er alles, kann alles, sucht für alles eine Lösung. Manches von dem, was er uns zeigt, mag sogar stimmen. Vielleicht haben wir wirklich etwas gesagt oder getan, das wir heute anders machen würden. Doch es ist vorbei und auch ein wahrer Gedanke muss uns nicht immer wieder in Angst, Zweifel, Ärger oder Schmerz hineinziehen. Und mir wurde klar: Wir holen die Vergangenheit ständig in die Gegenwart. Keiner von uns kann jemals noch mal die Vergangenheit betreten. Außer in den Gedanken. Damit füllen wir dann den gegenwertigen Augenblick und verpassen dadurch genau diesen.

Wir müssen unsere Gedanken deshalb nicht bekämpfen und auch nicht wegdrücken. Sie dürfen gesehen werden. Aber sie müssen nicht mehr den ganzen Raum einnehmen. Und wir müssen ihnen nicht jedes Mal das Steuer überlassen und uns in Vergangenheit und Zukunft verlieren. 

Manchmal verändert sich unsere Wahrnehmung schon dadurch, dass wir Gedanken und die Geschichten erkennen und still feststellen:

Da sind sie wieder. Sie zu sehen, anschauen und dann loslassen, abgeben, vergeben. 

Für mich bedeutet Loslassen auch, nicht alles allein lösen zu müssen. Ich darf meine Gedanken einer höheren Weisheit in mir übergeben – meinem höheren Selbst, Gott, dem Universum oder welchem Namen ich diesem Vertrauen auch geben möchte. 

Denn für mich geht es genau darum: dieses tiefe Vertrauen in mir wiederzufinden. Das Vertrauen in etwas höheres in mir. Das, was uns leben lässt und immer da ist. 

Und vielleicht liegt genau darin auch die Einladung an uns alle: nicht noch mehr für alles Antworten im Außen zu suchen, noch mehr Wissen, für alles eine Erklärung haben zu wollen. Sondern diesem Vertrauen in uns wieder mehr Raum zu geben. 

Nicht, weil wir wissen, wie alles geht.

Sondern weil wir immer weniger glauben müssen, alles mit unserem Denken lösen zu können.

Und je weniger ich das versuche, desto ruhiger wird es in mir.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehr handle. Ich treffe weiterhin Entscheidungen, gehe meine Schritte und verändere Dinge, die sich für mich nicht mehr stimmig anfühlen.

Doch die Haltung, aus der ich handle, verändert sich.

Nach meiner Erfahrung sind die Schritte, die aus der Stille entstehen, selten spektakulär. Sie sind ruhiger. Klarer. Da sind weniger Zweifel und weniger Rechtfertigungen. Sie müssen nicht laut sein und niemanden überzeugen. 

Vielleicht zeigt sich genau darin immer mehr unsere eigene Wahrheit.

Nicht als endgültige Antwort auf alles.
Nicht als Wahrheit für andere.
Sondern als etwas, das sich im Inneren still und klar anfühlt.

Vielleicht glauben wir manchmal, dass nichts mehr geht, weil wir im Augenblick keinen Weg sehen.

Und vielleicht müssen wir diesen Weg auch noch nicht sehen.

Unser Körper hilft uns dabei. Er zeigt uns ganz genau, wo wir uns schon länger nicht mehr zuhören.

Wir müssen heute nicht wissen, wie alles weitergeht.

Vielleicht dürfen wir für einen Moment still werden und wahrnehmen:

Was ist jetzt gerade in mir? Was möchte gesehen, gehört und gefühlt werden? Altes unaufgelöstes, das sich immer und immer wieder zeigt. Eine kleine Übung zum Ankommen

Vielleicht kann dich eine einfache Atemübung dabei unterstützen, für einen Moment aus dem Gedankenkarussell auszusteigen. 

(Diese Übung kann jeder Zeit abgebrochen werden, wenn du dich unwohl fühlst.)

Setze dich so hin, wie es für dich angenehm ist. Wenn du magst, richte dich ein wenig auf und lege eine Hand auf dein Herz oder deinen Bauch.

Du bist eingeladen, deine Augen zu schließen. Wenn sich das nicht gut anfühlt, kannst du deinen Blick auch einfach weich auf einem Punkt vor dir ruhen lassen.

Atme nun ruhig durch die Nase ein und zähle dabei langsam bis vier.

Halte den Atem für vier Zählzeiten – aber nur, wenn es sich angenehm anfühlt.

Atme anschließend langsam aus und zähle dabei bis sechs.

Beim Ausatmen kannst du dir vorstellen, dass du für diesen Moment etwas von dem abgibst, was dich belastet. Einen Gedanken, eine Sorge, eine Anspannung.

Oder Vielleicht genügt es, wahrzunehmen, was gerade da ist.

Wiederhole diesen Atemrhythmus drei- bis fünfmal. Lass deinen Atem danach wieder ganz natürlich fließen und spüre einen Moment in dich hinein. Kein Bewerten, kein richtig, kein falsch. Einfach nur da sein lassen. 

Vielleicht ist etwas ruhiger geworden. Vielleicht ist noch alles da. Beides ist in Ordnung.

Du kannst diese kleine Pause am Abend, am Morgen oder zwischendurch wiederholen – wann immer du das Bedürfnis hast, für einen Moment bei dir anzukommen. 

Vielleicht geht nicht nichts mehr.

Vielleicht geht nur das Bisherige nicht mehr.

Und das Neue beginnt möglicherweise viel leiser, als wir erwartet haben.

Schau selbst bei dir.

Fühle und nimm wahr, welche Gedanken du vielleicht schon so lange mit dir trägst, dass du sie für deine Wahrheit hältst.

Welche Erwartungen, Überzeugungen und Gewohnheiten hast du irgendwann übernommen, ohne sie noch einmal zu hinterfragen?

Du musst keine Antwort finden und nichts Bestimmtes fühlen.

Beobachte einfach, was sich in dir zeigt.

Und vielleicht erinnerst du dich dabei wieder an dieses tiefe Vertrauen, das unter all den Gedanken immer in dir ist. 💞

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